Leichtsinn, der tödlich enden kann
Täglich gibt es zurzeit Meldungen über Lawinenunglücke. Oft haben Risikobereitschaft oder Unwissen tragische Folgen - für einen selbst und für andere. Wir haben bei Experten nachgefragt.

Foto © APA/Hoppe
Das Lawinendrama um den holländischen Prinzen Johan Friso ist jenes, das am meisten Öffentlichkeit bekommt. Es ist aber nur eines von vielen Dramen, die sich in diesem Winter bereits ereignet haben. Wie auch jenes um den Alpinpolizisten, der vor wenigen Tagen verschüttet wurde und starb. Oder das eines 25-Jährigen, der am Zirbitzkogel das gleiche Schicksal erlitt. Wir haben bei Experten Antworten auf wichtige Fragen eingeholt.
Ist Fahrlässigkeit oft die Ursache für Lawinenunglücke?
ANTWORT: Eher von Leichtsinn oder Unwissen spricht Arnold Studeregger-Renner vom Lawinenwarndienst. "Wir sehen, dass sehr viele Leute ohne Grundausrüstung - Pieps und Schaufel - unterwegs sind", sagt er. "Im Tourenbereich ist Kameradenrettung aber das Wichtigste. Man hat im Schnitt nur 15 Minuten Zeit, jemanden auszugraben."
In beliebten Filmen wie "The Art of Flight" sehen die Abfahrten spektakulär aus. Das verleitet viele zum Nachmachen. Wie schwierig ist die Einschätzung von Verhältnissen für Nicht-Profis? ANTWORT: Dafür braucht es Erfahrung: Vor der Tour kommt die Planung: Wo gehe ich hin, wer ist mit, wie ist der aktuelle Lawinenbericht, was kann an bestimmten Stellen passieren? "Die Übertragung der Karte ins Gelände ist immer das Schwierigste", sagt Studeregger-Renner und gibt zu bedenken: In den Filmen sind immer Profis am Werk, welche die Schneesituation beurteilen.
Nimmt die Risikobereitschaft von Wintersportlern zu?
ANTWORT: Einige behaupten das. Anlässlich des Unglücks des Prinzen erklärte Michael Manhard von den Skiliften Lech: "Die Risikobereitschaft hat in den letzten Jahren zugenommen und heuer noch einmal." Man habe offenbar den Respekt vor der Natur verloren. Andererseits ist zwar die Zahl der Sportler im freien Gelände in den letzten Jahren stark gestiegen, jene der Lawinenopfer blieb aber in etwa gleich.
"Ski- und Snowboardkenntnisse sowie Ausrüstung sind besser geworden", sagt Studeregger-Renner. Vor allem in den letzten fünf Jahren falle auf: Hänge, an denen Leute verschüttet werden, sind steiler als früher. "Da wäre vor Jahren keiner hineingefahren", sagt der Experte, der selbst viele Touren im Winter geht.
Welche Fehler führen häufig zu Lawinenunfällen?
ANTWORT: Häufig wird bei der Abfahrt steiler gefahren als beim Aufstieg gegangen wurde. "Der Tiefschnee lockt", sagt Studeregger-Renner. Doch man fährt dann in noch unbekanntes Terrain. Wer ganz sicher sein will, fährt dort ab, wo er aufgestiegen ist.
Wann wird ein Hang gesperrt?
ANTWORT: Im freien Gelände (also abseits gesicherter Pisten) haben Sperren laut Experten immer mit gefährdeter Infrastruktur wie Straßen zu tun. Ganze Skitouren werden nie gesperrt, da gilt die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen.
Wenn mehrere Personen unterwegs sind und eine Lawine jemanden verschüttet - wer trägt Schuld?
ANTWORT: Das kommt darauf an, ob man mit einem Bergführer unterwegs ist, der "gegen Entgelt" führt. Dieser trägt dann die Verantwortung. Staatsanwalt Arnulf Rumpold erklärt: Ein Bergführer hat besondere Pflichten, man spricht von einer Garantenstellung für den Kunden. Eine Verletzung dieser Pflichten wäre ein strenger bestraftes Unterlassungsdelikt, keine Fahrlässigkeit.
Und wenn man nicht mit einem Bergführer unterwegs ist?
ANTWORT: Dann wird zwar geschaut, ob jemand eine höhere Ausbildung im Skilehrer- oder Bergführerbereich hat. "In Kärnten und in der Steiermark ist es aber da noch zu keiner Anklage gekommen", sagt Studeregger-Renner. Schuld gibt es aber bei grober Fahrlässigkeit, wenn man sich etwa nicht vorher über die Schneesituation informiert hat und dann eine Lawine auslöst.
Ist es außergewöhnlich, dass nach einem Unfall wie jenem von Prinz Friso und seinem Begleiter Ermittlungen eingeleitet werden? ANTWORT: "Nein", erklärt Staatsanwaltschaft-Sprecher Rumpold. Es sei in solchen Fällen zu prüfen, ob Fahrlässigkeit vorliegt und ob besonders gefährliche Verhältnisse gegeben waren.
Was wären "besonders gefährliche Verhältnisse"? ANTWORT: In diesem Fall geht es darum: Welche Lawinenwarnstufe herrschte? War der Hang gesperrt? Etc. Man spricht von der "Mosaiktheorie": Mehrere Steinchen müssen zusammenkommen, um die "besonders gefährlichen Verhältnisse" zu begründen.
Mit welcher Strafe ist die Körperverletzung unter besonders gefährlichen Verhältnissen bedroht? ANTWORT: Die Höchststrafe dafür beträgt zwei Jahre Haft. Die Spruchpraxis ist sehr unterschiedlich, im Osten üblicherweise strenger als im Westen von Österreich.










