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Zuletzt aktualisiert: 22.02.2012 um 07:32 UhrKommentare

Fasten und befastet werden

Heute beginnt wieder einmal die Fastenzeit. Ein paar Gedanken zu Askese, Hungertod, Gier und zum Entzug scheinbarer Sicherheit.

Foto © Fotolia - Heike Rau

Es waren nur drei Tage. In der Sahara. Mit einigen Kollegen und einem Kamel am Strick wanderte ich durch das südtunesische Sandmeer. Drei Tage lang gab es Datteln, Brot und Wasser. Mein Reisegepäck bestand aus einer Zahnbürste und einer Schlafdecke. Drei Tage können lang sein, ohne Buch, ohne Laptop, ohne Zahnpasta. Und dennoch erschien mir am Ende alles viel zu kurz.

Wer sich auf gewisse Zeit auch des Nötigsten enthält, was man gemeinhin zu brauchen glaubt, hat zwei Optionen: latente Panik oder rauschhaftes Lustempfinden. Mir wurde Letzteres zuteil.

Selbst trotz klarer Erinnerung an diese drei Tage lässt sich das Wesen dieser Freude schwer beschreiben. Am ehesten so, dass eine Last abfällt, wenn der Luxus Pause macht. Dass man ein vorher ungeahntes Ausmaß an Freiheit empfindet, dass man wieder empfänglicher wird, für die großen und ganz kleinen Eindrücke. Für den nächtlichen Himmel, der in der Sahara Trilliarden von bis dahin nicht gesehenen Sternen gebiert. Für das köstliche Gluckern, das zu hören ist, wenn das frisch getränkte Kamel seinen Wasservorrat innerlich verteilt.

Selbst gewählte Askese kann ein wahres Paradies sein. Vor allem dann, wenn mit dem Entzug diverser Lebens- und Genussmittel auch eine radikale Reduktion vorgefertigter Sinnesreize einhergeht. Nicht umsonst suchten Jesus, Mohammed & Co. zum Fasten die Abgeschiedenheit der Wüste, wenngleich ohne Kamel. Andere Religionsstifter zogen sich in einsame Bergregionen oder sonstige stille Orte zurück.

Zu geglücktem Fasten zählt aber auch der Verzicht auf jedwede Leidenspose. Aus der Bergpredigt sind folgende Worte Christi überliefert: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler . . . Salbt euer Haar, wenn ihr fastet, und wascht euer Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass ihr fastet."

Zum spirituellen Anreiz des Entzuges kamen schon ganz früh auch andere, praktische Gründe hinzu. Hippokrates, Ahnherr der Medizin, wies schon vor 2400 Jahren an: "Sei mäßig in allem, atme reine Luft und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei."

Und wer sich mit der gichtfördernden opulenten Lebensweise an manchen Höfen und Klöstern früherer Jahrhunderte befasst, ahnt, dass die religiös ausgeschilderte Fastenzeit vor Ostern in Wahrheit auch eine Überlebensstrategie für Leber und Galle darstellte. Eine befristete Schutzübung vor der eigenen Unmäßigkeit.

All die Spielarten von Fasten weisen zwei gemeinsame Merkmale auf: Sie gehen freiwillig vonstatten. Und: Es gibt Gewissheit über ein Ende, an dem Erlösung wartet. Jedem Entzug ist also Erfüllung immanent. Außerdem kann der Versuch jederzeit abgebrochen werden. Jeder hat den Notschalter in der Hand. So betrachtet kann man dem klassischen Fasten beinahe etwas Spielerisches zuschreiben. Es mag ein Zufall sein, dass sich Fasten von Festen nur in einem Vokal unterscheidet.

Jedoch gibt es noch eine weitere ebenfalls freiwillige Form der Nahrungsverweigerung, die eher Kampf als Spiel ist: den Hungerstreik. Tausende Gefangene haben ihn schon als passive Waffe für verbesserte Haftbedingungen eingesetzt. Manche, so etwa der IRA-Kämpfer Bobby Sands und der deutsche RAF-Terrorist Holger Meins, starben nach 66 bzw. 57 Tagen Hungerstreiks.

Dem indischen Freiheitshelden und Pazifisten Mahatma Gandhi gelang es indessen, damit seine Landsleute von einem Bürgerkrieg abzuhalten. Hungern als Mittel der Friedensstiftung.

Willentliches Fasten gehorcht einem Bottom-up-Prinzip, wie die neudeutsche Soziologie es nennen würde. Es geht von unten nach oben, es richtet sich vom einzelnen Menschen an Götter, Politiker, Gefängnisdirektoren.

Die neuen Gottheiten haben die Richtung total umgedreht. Sie bestimmen den Entzug von oben, fast könnte man sagen, Teile der Menschheit werden befastet. Dazu muss man allerdings eines klar festhalten: Nie zuvor in der uns bekannten Geschichte ist es weltweit so vielen Menschen so gut gegangen. Was heute dem Mittelstand möglich ist, war noch vor ziemlich kurzer Zeit nur dem Standes- und Geldadel vorbehalten. Und selbst in einem Mindestlohnhaushalt gibt es heute mehr Annehmlichkeiten als in einem mittelalterlichen Fürstenschloss. Und dennoch gibt es Hinweise auf eine neue, von oben verordnete Fastenzeit, die viele durchaus unfreiwillig angehen.

Die klassischen Parameter dafür sind eindeutig: Neueren Zahlen nach leidet etwa eine Milliarde Menschen akut an Hunger. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass in der nördlichen Hemisphäre rund ein Drittel aller Lebensmittel vergeudet wird. Im besten Fall landen sie im Kompost, meistens jedoch im Müll.

Irgendjemand hat kürzlich ausgerechnet, dass der Transport einer Flasche Wein von Sydney nach Bremen um sieben Cent zu bewerkstelligen ist. Vor diesem Hintergrund ist es moralisch und politisch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dass überhaupt noch irgendein Mensch auf diesem Planeten Hunger leiden oder gar daran sterben muss.

Dass besonders im urbanen Raum mittlerweile junge Dumpster Diver weggeworfene Nahrungsmittel bergen und sinnvoller Verwendung zuführen, macht Freude und Hoffnung.

Die schleichende Befastung breiterer Kreise hat indes eher diffuse Daten und Fakten. Selbst Experten tun sich schwer, einen schlüssigen Kanon an Zusammenhängen zu formulieren: Besteht ein Zusammenhang zwischen den Tatsachen, dass schon jeder hundertste Österreicher Millionär ist, aber fast eine Million an der Armutsgrenze entlangschrammt? Verträgt es sich mit unserer Vorstellung von Gesellschaft, dass hierzulande zehn Prozent mehr als die Hälfte des gesamten Privatvermögens besitzen? Dass sich 38 Prozent des globalen Vermögens in den Händen von nur einem Prozent der Menschheit befinden?

Wie kommt es, dass in den Hungerwintern der postsowjetischen Jahre einige Russen zu exorbitanten Vermögen kamen? Etwa Roman Abramowitsch, der sich seine Jacht Pelorus 300 Millionen Dollar kosten ließ. Warum hatten Ferrari und Co. 2011 die umsatzstärksten Jahre in ihrer Firmengeschichte?

Allein solche Fragen zu stellen, rückt einen schon unter Klassenkampfverdacht. Aber die neue Klassifizierung ist doch schon längst auf dem Weg. Der Kampf hat noch nicht begonnen.

Ansatzweise wohl in Griechenland, wo sich einerseits die Wut über jahrzehntelange Misswirtschaft und wohl auch über sich selbst entlädt und andererseits sicher geglaubte Existenzen vernichtet werden. Aber staatliche Managementfehler sind nur ein Teil der sogenannten Krise. Einen anderen, wesentlichen Teil trug die erfolgreiche Gier einiger bei, die ungefähr das Gegenteil des Fastengedankens ist.

Brav hat der Mittelstand des 20. Jahrhunderts die Ansicht gepflegt, dass Leistung und Entlohnung irgendwie zusammenhingen. Brav hat er sein Geld auf der Bank deponiert in der Meinung, dort mehre es sich bescheiden, aber stetig.

Und dann das! Im Casino Börse wurden Milliarden verzockt, mit irrwitzigen Wettsystemen Unsummen verschoben. Abertausenden fehlberatenen Amerikanern wurden Kredite aufgeschwatzt, die sie nicht bedienen konnten. Einige Versicherungen wiederum setzten genau auf diese Ausfälle und machten damit wirklich Geld.

Nun muss das irgendwie refinanziert werden. Ein Blick auf die Sparzinsen und auf die Inflationsrate erklärt, wie das geschieht. George Soros, Großspekulant, Philanthrop und Mahner, hat jüngst auf CNN gesagt: "Auch im Vorjahr wurden 30 Prozent der amerikanischen Gewinne aus Finanzgeschäften erzielt, die Krise ist eindeutig von den deregulierten Finanzmärkten produziert, die wie Krebsgeschwüre wachsen." Im Gegenzug sinken versprochene Lebensversicherungssummen und Renten, schrumpfen angeblich wasserdichte Investments. Mit Schrecken registriert auch der brave Bürger den Entzug scheinbarer Sicherheiten.

Und auch anderweitig werden wir befastet: vom Ölhandel, der jede Preissteigerung an den Endverbraucher durchreicht. Von Politikern wie Wladimir Putin, der trotz anhaltenden Friedens das größte Militärbudget aller Zeiten ankündigt. Aber auch von Barack Obama, der - ausdrücklich widerwillig - einen Militärhaushalt von 700 Milliarden Dollar genehmigte. Weitgehend sinnfrei investiertes Geld, das, der Allgemeinheit entzogen, selbige zum Bildungs- und Sozialfasten zwingt.

Vielleicht führt das alles ja mittelfristig zu einer Läuterung. Vielleicht sind Geiz und Gier bald nicht mehr geil, vielleicht werden die Polit-Falken dieser Welt bald flugunfähig. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

FRIDO HÜTTER

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