Tomaz Pandur: Staunen im Text-Strom
Tomaz Pandur brachte Unruhe in Tolstois "Krieg und Frieden" und wurde erstmals nach 16 Jahren wieder in Marburg/Maribor umjubelt.

Foto © pandurtheaters
Am Ende ist der perfekte Diener ein geschmeidiger Conférencier, der am Stand-mikrophon die berühmten "Weißen Nächte" ausruft. Andrej Bolkonski stirbt leise auf einer stylischen Lederbank. Alle haben sich in große Abendrobe geworfen und defilieren über einen imaginären roten Teppich, als wären Natascha Rostava und Pierre Bezuchov auf dem Weg zur Oscar-Gala.
Diesen mit Jazz-Standards unterlegten (Society-)"Frieden" zu erwarten, das macht Tomaz Pandur nicht leicht. Die Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb wird in kroatischer Sprache mit slowenischer Übersetzung gespielt. Infolge der Textmasse, die Tolstois Roman "Krieg und Frieden" vor sich herwälzt, eine Herausforderung für alle, die sich auf englische Wegweiser verlassen haben. Als Napoleon zum Ende der zweiten Bühnenetappe feststellt, er habe jetzt alles gesagt, lichten sich nach kurzem Zwischenapplaus die Reihen.
Die leichtere Übung war, die Bilder sprechen zu lassen, für die der 49-jährige Regisseur berühmt ist, und für die Pandur am Dienstag und am Mittwoch nach 16 Jahren erstmals wieder in Marburg/Maribor bejubelt wurde.
Seit jeher darauf spezialisiert, große Literatur als Trampolin für kühne Gedankenspiele und Träume zu nutzen, fächert er "Krieg und Frieden" in drei völlig unterschiedlich temperierte Akten auf. Im ersten liebt er die Frauen, im zweiten die Krieger und im dritten das Leben (und die Show).
Friede & Unruhe
Zunächst herrscht "Unruhe". Das ist im Kroatischen wie im Slowenischen auch lautmalerisch plausibel: "Mir" heißt Friede, "nemir" Unruhe. Zu Beginn des vierstündigen Abends krachen zwischen Möwengeschrei und perlender Klaviermusik die Kanonen, drei Luster aus Neonröhren wirken wie explosionsbereite Feuerwerkskörper, die Menschen vibrieren, Dialoge knattern wie Gewehrsalven. Man sucht das persönliche Glück und muss doch als kleines Rädchen im großen Gefüge funktionieren. Der Diener (Livio Badurina, der "Engel" aus der "Göttlichen Komödie", spielt ihn mit bewundernswerter Exaktheit) öffnet mit Vorhängen immer neue Räume, schafft Privatheit und öffentliche Plätze.
Als der Vorhang nach dem ersten Bild aufgeht, ist Krieg. Stellungskrieg, möchte man meinen. Denn Pandur zeigt ihn mit ironischer Verbeugung vor Napoleon, Zar Alexander und General Kutuzov als bewegungsarmes Gemälde. Der Spagat, die starren Tableaus der Kunstgeschichte zur europäischen Dimension zu erweitern, gelingt. Sogar der Diener wird zum wandelnden Zitat.
Einfach konsumierbar ist das nicht. Mangels Sprachkenntnissen half nur, auf den optischen Zauber zu setzen, und - gelotst vom exzellenten Ensemble, dem immer wieder staunenswerten Numen-Bühnendesign und dem transparent-minimalistischen Silence-Soundtrack - Tolstois breiten Erzählstrom an der von Pandur angebotenen Stelle zu durchqueren.













