Amerikanische Glaubenskrieger
Der Aufstieg von Rick Santorum im US-Wahlkampf ist untrennbar mit dem Comeback der ultrakonservativen Rechten verbunden. Themen von gestern entscheiden die Wahl von morgen. Die Pille, Abtreibung, Ausländer – und vor allem: Religion. Von Sebastian Krause.

Foto © ReutersEiner steht ganz rechts, die anderen rücken nach: Santorum, Romney, Gingrich und Paul
Der Sturm der Entrüstung zog rasch auf und überraschte Barack Obama. Kaum hatte der demokratische US-Präsident seiner Gesundheitsreform eine folgenschwere Klausel angefügt, ging es auch schon los. Überall im Land wetterten Bischöfe und Priester von den Kanzeln, die republikanischen Katholiken sprachen von einem "Kampf um die Religionsfreiheit", die Präsidentschaftskandidaten stellten den Wahlkampf in den Schatten der gemeinsamen Offensive gegen Obama. Besagte Klausel schreibt die kostenlose Versorgung von Verhütungsmitteln und der "Pille danach" durch den Arbeitgeber vor. Ausgenommen ist nur die Kirche – nicht aber "kirchennahe" Organisationen. Der Präsident führt einen Krieg gegen die Religion, sagen jene, die in den USA derzeit die öffentlichen Debatten bestimmen. Sie sind erzkonservativ, katholisch und rechts. Und sie können dem Wahlkampf eine Wende geben: Ihr Kandidat heißt nicht Mitt Romney, schon gar nicht Barack Obama; er heißt Rick Santorum.
Mit den Themen von einst zur Auferstehung – die Rechtsaußen-Christen hatten ihre Sternstunde Ende der 70er-Jahre. Unter dem Namen "Moral Majority" ebnete eine mächtige Lobby-Gruppe mit Millionen von Mitgliedern den Themen der konservativen Christen den Weg in die Mitte der Gesellschaft. 30 Jahre später soll das wieder gelingen, der Plan ist einfach, aber effektiv. Die Christen inszenieren wieder eine "moralische Mehrheit", jetzt muss diese nur geschlossen abstimmen. Das war zuletzt nie der Fall – die US-Katholiken galten eigentlich als demokratische Stammwähler. Bischöfe wie der New Yorker Tom Dolan wollen das ändern, die Entscheidung an der Urne soll vom Glauben geprägt sein. "Obama ist der schlimmste Affront gegen Katholiken", wettert er. Glaube statt Politik, die USA müssen sich auf einen schlimmen Wahlkampf einstellen.
Kulturkampf zwischen Weihnachten und Moschee
Wie weggefegt sind in den letzten Tagen und Wochen die fiskalpolitischen Themen. Der schlanke Staat, die Krise, die fehlenden Jobs – alles verschwand im Streit um die Religion. Es ist eine Debatte ohne Anführer, sogar ohne viele konkrete Themen. Den Republikanern kommt das gelegen, es ist ihre Chance. Vor allem Rick Santorum weiß das. Nach drei überraschenden Siegen bei den Vorwahlen steht der siebenfache Vater plötzlich auf Augenhöhe mit dem ehemaligen Favoriten Mitt Romney. Der Mormone rückte in den letzten Wochen notgedrungen nach rechts, zeigte sich solidarisch und sprach vom "Kulturkampf", Konkurrent Newt Gingrich sieht einen "Krieg gegen die Religion", insbesondere gegen Katholiken. Und doch: Der Wunschkandidat der Katholiken bleibt der gottesfürchtige Santorum, obwohl seine Frau vor der Ehe jahrelang mit einem Abtreibungsarzt zusammenlebte.
Schon vergangenes Jahr war der Zorn der Katholiken spürbar, als sie in der Debatte um eine geplante Moschee in der Nähe des Ground Zero mobil machten. Zuletzt polterte man gegen andere Religionen, als man zu Weihnachten eine "gesellschaftliche Abwertung" des christlichen Festes wahrnahm. Konservative Medien sprachen von einem "War on Christmas", weil Weihnachtsbäume aus Rücksicht auf andere Religion an immer weniger öffentlichen Plätzen aufgestellt wurden. New Yorks Bloomberg musste mehrmals lautstark auf die Gleichstellung der Religion in den USA hinweisen, nun reichte Obamas Abtreibungs-Klausel, um die Stimmung im Land aufzuheizen. "Die Lage kippt", rufen die Vertreter der "moralischen Mehrheit", immer mehr Amerikaner seien gegen Abtreibung, sogar gegen die Pille. Eine wirkliche Mehrheit haben die konservativen Christen dabei nicht, aber sie sind lauter, organisierter - und sie sind wütender. Nur 20 Prozent sind laut einer Gallup-Umfrage gegen Abtreibung "in allen Fällen", über 50 Prozent befürworten sie unter "bestimmten Umständen" wie Vergewaltigungen oder schweren Behinderungen des Kindes, wiederum knapp 30 Prozent sind generell für Abtreibungen.
Langfristig, so kommentieren US-Zeitungen, könnte Santorum sogar die Oberhand im Rennen der Republikaner gewinnen: Romney könnte der Flirt mit der Religion teuer zu stehen kommen, der eigentlich Wirtschaftsliberale wirkt wenig glaubwürdig, wenn er den Hüter christlich-konservativer Werte mimt. Auch Barack Obama kommt eine ungewohnte Rolle im Kampf der Glaubenskrieger zu: Der progressive Präsident muss einen riskanten Spagat wagen, um beide Lager zu erreichen.
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Hintergrund
Santorum im Porträt
Christen in den USA
Die US-amerikanischen Christen stellen mit rund 78 Millionen Menschen rund ein Viertel der Bevölkerung
. In vielen "Swing States" (Staaten ohne klarer Parteipräferenz) könnte ihre Stimme zudem ausschlaggebend sein. 2008 stimmten knapp 55 Prozent der Christen für Obama.












